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Etwa ein Drittel der in der Industrie am Hellweg und im Sauerland eingesetzten Energie entfällt laut IT.NRW auf den Energieträger Erdgas. Folglich blickt die heimische Wirtschaft mit Sorge auf eine mögliche Gas-Mangellage in Folge des Ukraine-Krieges. Wer entscheidet über die weitere Belieferung und die Kriterien bei einer Priorisierung von Kunden?

Sollte es zu einem EU-Embargo oder einem russischen Lieferstopp kommen, würde gemäß Notfallplan Gas nach der bereits am 30. März ausgerufenen Frühwarnstufe (es ergeben sich bestimmte Informationspflichten insbesondere für die Netzbetreiber) die Alarmstufe (Gasversorger unterstützen Bundesregierung bei der Lagebewertung) und im Falle eines Versorgungsmangels schlussendlich die Notfallstufe ausgerufen.

Bei einer Gasmangellage (Notfallstufe) würde die Bundesnetzagentur (BNetzA) als Bundeslastverteiler die Entscheidung über Anordnungen an Endverbraucher und Großverbraucher treffen, den Gasverbrauch zu reduzieren oder Industriekunden sogar ganz abzuschalten.

In einem solchen Fall müssten bestimmte geschützte Kundengruppen bevorzugt beliefert werden. Dies sind Letztverbraucher mit Standardlastprofilen (private Haushalte und Unternehmen mit einem Verbrauch unter 1.500.000 kWh pro Jahr – sogenannte SLP-Kunden), Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge sowie Fernwärmeanlagen zur Versorgung der oben genannten Kunden. Dabei ist dieser Versorgungsauftrag vorgegeben durch die EU-SoS-Verordnung und in seinen praktischen Auswirkungen durchaus kritisch zu sehen. Die Vorgaben erstrecken sich auch auf geschützte Kundengruppen der acht benachbarten EU-Länder und auf Italien im Rahmen gegenseitiger Unterstützung (Solidarität).

Zu allen anderen, nicht geschützten Kundengruppen gehören alle Unternehmen mit registrierender Leistungsmessung (RLM-Kunden) außerhalb der öffentlichen Daseinsvorsorge. Diese werden demnach nachrangig beliefert. Gesetzliche Vorgaben über eine mögliche Priorisierung innerhalb der Wirtschaft gibt es für die Entscheidung der Bundeslastverteilung bisher nicht. Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind pauschale Kürzungen ebenso denkbar, wie Abschaltreihenfolgen aufgrund der Systemrelevanz von Produkten. Auch für diese Systemrelevanz gibt es bisher keine konkreten Indizien. Unstrittig dürfte es sein, dass Lebensmittel ebenso wie pharmazeutische/medizinische Produkte als existenziell angesehen werden. Allerdings könnten sich selbst dabei produktspezifische Differenzierungen in der Priorisierung ergeben – etwa bei Süßwaren. Da für diese Produkte auch zwingend Verpackungen und Logistik benötigt werden, wird zwangsläufig in Lieferketten gedacht werden müssen. Vor- und nachgelagerte Produkte und Dienstleister notwendiger Güter müssten daher ebenfalls priorisiert werden. Dabei erscheint es aber sehr zweifelhaft, dass es möglich sein wird, bei einem Industriekunden mit Produktgruppen unterschiedlicher Systemrelevanz in der Gaszuteilung zu differenzieren. Dies macht die Komplexität eines Entscheidungsprozesses über eine mögliche Abschaltreihenfolge deutlich und zeigt das Dilemma der BNetzA. Die Agentur bittet gleichwohl dringend darum, keine Priorisierungsschreiben an sie zu adressieren.

Auch die Minimierung der Folgeschäden spielt bei der Bewertung eine zentrale Rolle. Bei möglichen Abschaltszenarien muss nach Angaben der BNetzAgentur auch berücksichtigt werden, dass die verzweigte Netzinfrastruktur oft keine präzise Abschaltung zulässt. Das gilt insbesondere für „Gemengelagen“ mit geschützten Kundengruppen (z.B. gewerblicher Abnehmer neben Krankenhaus).

Als Grundlage für eine spätere Entscheidung erstellt die Bundesbehörde derzeit eine Daten-bank über die Gas-Liefer- und Abnahmestrukturen in Form einer Sicherheitsplattform Gas. Neben den Angaben der Netzbetreiber sollen ab Anfang Mai auch Gas-Großkunden mit einer Abnahmekapazität (nicht tatsächlichem Verbrauch) > 10 MW dort ihre Daten einpflegen. Dies bedeutet nach Angaben der BNetzAgentur ausdrücklich keine spätere Bevorzugung dieser Kundengruppe von erwarteten rund 2.500 Unternehmen. Die Daten-plattform soll lediglich helfen, die Entscheidung über eine Priorisierung vorzubereiten. Die Plattform soll dabei interaktiv sein und spätestens zum 01.10.22 in Betrieb genommen werden.  

Hinweis: Diese Zusammenstellung dient Ihrer Information über den Entscheidungsprozess im Falle einer festgestellten Notfall-Lage Gas. Sie wurde mit aller Sorgfalt und nach bestem Wissen zusammengestellt. Für die Richtigkeit übernimmt die IHK keine Verantwortung. Zudem sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die IHK weder die Systemrelevanz Ihres Unternehmens oder Ihrer Produkte bestätigen, noch in anderer Weise auf mögliche Abschaltszenarien Einfluss nehmen kann.  

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u.a.
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