Foto: Enser Versicherungskontor GmbH

Einsatz klimaneutraler Energie: „Wir machen‘s einfach!“

Immer mehr Unternehmen sind damit befasst, ihre Energieversorgung perspektivisch klimaneutral aufzustellen. Wie das gehen kann und vor allem unter welchen Rahmenbedingungen Wasserstoff eingesetzt und Strom selbst erzeugt oder mit Zertifikat eingekauft werden kann, das erfuhren mehr als 100 Teilnehmer in einer IHK-Digital-Konferenz. „Packen Sie es an“ – war der Appell von Unternehmern, die hier bereits als Vorreiter unterwegs sind. 

Die zum ABB-Konzern gehörende Busch-Jäger GmbH aus Lüdenscheid hat 2019 ihren Betrieb defacto klimaneutral aufgestellt. Ein großflächiger Betriebsparkplatz (7000 qm) wurde mit Photovoltaik-Reihen-Anlagen überdacht. Ein intelligentes Lastmanagement sorgt dafür, dass die erzeugte Energie optimiert eingesetzt wird. „Das sind je nach Tageszeit und Lastgang mal die Akkus der Elektroautos der Firma und der Mitarbeiter, mal die Wärme und Prozessenergie in Verwaltung und Produktion“, erläuterte Andreas Jeide.

Wird z.B. am Wochenende mehr Strom produziert, als das Unternehmen selbst benötigt, wird entweder in einem stationären Akku gespeichert oder ein Kühlwasserbecken gekühlt. „Das ist die effizienteste Form der Energiespeicherung“, erklärte Jeide und berichtete darüber, dass „wir oft mit der so am Wochenende gespeicherten Energie bis Mitte der Woche ausreichend versorgt sind und erst dann Energie zuführen müssen“. Das eigentlich als Experiment angelegte Projekt sei so erfolgreich, dass es künftig auf alle geeigneten Standorte des ABB-Konzerns übertragen werden soll.

Auch die Condensator Dominit GmbH hat mittels einer Photovoltaik-Anlage sowie der Nutzung eines Wärmetauschers beim Bau eines neuen Produktionsgebäudes in Brilon-Wald Klimaneutralität erreicht. „Für mich ist es kaum verständlich, dass immer noch viele Flachdächer in den Gewerbegebieten ungenutzt sind“, appellierte Geschäftsführer Dr. Christian Dresel an die Teilnehmer: Alle suchten nach Möglichkeiten zur Steigerung der Nachhaltigkeit. „Hier ist eine Gelegenheit, ganz konkret etwas zu tun, das sich wie bei uns in 5 bis 7Jahren amortisiert!“ Er bestätigte damit ausdrücklich die auch bei Busch-Jäger gemachten Erfahrungen.

Ganz andere Wege gingen gleich mehrere Unternehmen im Industriegebiet in Ense-Höingen. Gemeinsam mit der benachbarten Enser Biogas GmbH wurden dort verschiedene Blockheizkraftwerke installiert. „Neben dem erzeugten Strom wurde die anfallende Wärme über ein Nahwärmenetz an die angeschlossenen Unternehmen verteilt“, berichtete Franz-Martin Köhler (HEICO GmbH). Das metallverarbeitende Unternehmen kann mittlerweile auf 10 Jahre Erfahrung mit dem Einsatz des Energieträgers Biogas zurückgreifen. „Für uns ist das gerade in Zeiten steigender Energiepreise ein wichtiger Wettbewerbsvorteil und Beitrag zur Standortsicherung“, so Köhler.

Am Anfang stand der Wasserstoff – natürlich nur im zeitlichen Ablauf der Veranstaltung betrachtet- , denn Erzeugung, Verteilung und energetischer Einsatz sind noch am weitesten von der Marktreife entfernt. Dennoch zeigte Justus Beste (EE Energy Engineers) mit den breit gefächerten Einsatzmöglichkeiten des Elements wichtige Perspektiven auf: „Wasserstoff kann neben der Mobilität in zahlreichen Anwendungen der Industrie zum Einsatz kommen“, sagte er und benannte beispielhaft die angelaufenen Modellprojekte zur Stahlerzeugung, zum Einsatz als Prozesswärme in der Weiterverarbeitung oder als Energieträger in der Chemieindustrie. Neueren Erkenntnissen zur Folge könne Wasserstoff auch bei der Herstellung von Zement zum Einsatz kommen.

Dr. Andreas Breuer (Westnetz GmbH) gab einen Sachstandsbericht über das im vergangenen Sommer mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit verfolgte Projekt der „Klimaschutzmodellregion Sauerland“. Der Netzbetreiber und weitere Partner der Energieerzeugung planten eine erste Elektrolyse-Pilotanlage, mittels der zunächst türkiser und später grüner Wasserstoff erzeugt, in einer vorhandenen Leitung gespeichert und an Verbraucher aus Industrie, Entsorgung und Logistik verteilt werden solle. „Spätestens in 5 Jahren wollen wir so weit sein“, zeigte Breuer den ehrgeizigen Zeitplan auf.

Der Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese aus Brilon steht ebenfalls gut im Thema der Energiewende, schließlich hat er für die SPD-Fraktion den klima- und energiepolitischen Teil des Koalitionsvertrages der neuen Bundesregierung mitverhandelt. Auch deshalb setzt er sich dafür ein, dass Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden, um mehr grünen Strom aus PV- und Windkraftanlagen zu erzeugen. Der könne entweder direkt genutzt, oder eben als H2 gespeichert werden. „Wir müssen dazu den Artenschutz entschlacken und der Erzeugung regenerativer Energie ein überragendes öffentliches Interesse des Ausbaus Erneuerbarer Energien bei Abwägungsentscheidungen in Planungs- und Genehmigungsverfahren einführen“. Zudem sollten Umweltverbände und andere Kritiker ihre Erkenntnisse und Vorbehalte unmittelbar zu Beginn eines Genehmigungsverfahrens vorbringen müssen und dürften nicht wie bisher aus strategischen Gründen bis zum Ende eines Verfahrens warten können. 

Christian Schlösser, Energieerzeuger und Versicherungsexperte für solche Anlagen, stellte die Vielschichtigkeit von Power Purchase Agreements (PPAs) dar. Diese Vertragsform ermöglicht es Betreibern von Windkraft- und Photovoltaikanlagen, ihren Strom direkt zu vertreiben. Daher sind PPAs auch für die Industrie auf Abnehmerseite von Relevanz, um den eigenen Betrieb der Klimaneutralität näher zu bringen. Anders als über die Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien, die über die EEG-Umlage finanziert werden, kann bei diesem Modell der Herkunftsnachweis über den Strom an den Abnehmer abgetreten werden. Das reduziert den Aufwand für den Erwerb von Emissionszertifikaten im Europäischen Emissionshandel (EU-ETS).

Rechtsanwalt Pavlos Konstantinidis aus Berlin sieht bei PPAs bereits heute eine massive Aufmerksamkeit von steigender Relevanz. Ein Modell, das im Übrigen in Ländern wie den Vereinigten Staaten oder dem Vereinigten Königreich, wo man kein EEG kennt, ohnehin weit verbreitet sei. Es sei wichtig sich bei der Vertragsschließung nicht nur auf den günstigsten Preis zu fokussieren, sondern auch Aspekte wie Versorgungssicherheit miteinzubeziehen, ergänzte Schlösser. Es nütze nichts, wenn man plötzlich ohne Stromversorgung dastehe, weil der PPA-Vertragspartner nicht mehr lieferfähig ist.

Christian Mildenberger, Geschäftsführer des LEE NRW, resümierte abschließend, dass PPAs eine gute Alternative sind, um volatilen Strommärkten aus dem Weg zu gehen. Gerade die direkten PPAs mit einer physischen Leitung zwischen Erzeuger und Abnehmer in einer Verbundlösung, schlössen Volatilitäten aus und sicherten konstante Strompreise über Jahre hinweg. Dies würde außerdem die Akzeptanz von erneuerbaren Energien enorm steigern, so Mildenberger.

02.02.2022