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Chancen der Elektromobilität nutzen

Zwei Jahre nach der Premiere veranstalteten die IHKs aus Arnsberg, Hagen und Siegen Anfang September den 2. Südwestfälischen Elektromobilitätstag in der Wästerstadt. Austragungsort war wiederum die Infineon Technologies AG in Warstein-Belecke.
Er war der Blickfang und Aufmerksamkeitsposten Nr. 1 bei der umfangreichen Fahrzeug-Ausstellung des Elektromobilitätstages auf dem Infineon-Parkplatz: Der vollelektrische SUV NIO ES 8 aus China. Der 7-Sitzer verfügt über 652 PS und kann in 4,4 Sekunden auf 100 Km/h beschleunigen. Hui Zhang, Managing Director von NIO-Deutschland, stellte das erst 2016 gegründete Unternehmen vor. In Deutschland wird das Fahrzeug allerdings erst in einigen Jahren zu haben sein.
Eher bodenständig ging es hingegen bei Bäcker Roland Schüren zu. Der Hildener Unternehmer hatte schon vor zwei Jahren das Konzept seiner „Selbsthilfegruppe Elektromobilität“ erläutert, die mangels ausreichender Angebote kurzerhand ein eigenes Lieferfahrzeug speziell für Backwaren entwickeln ließ. Jetzt ist das „Bakery Vehicle 1“, eine Weiterentwicklung des Street-Scooter mit Zwillings-Hinterachse, erfolgreich im Großraum Düsseldorf aber auch bei zahlreichen anderen Bäckern im Einsatz. „Der Betrieb mit eigenerzeugtem Solarstrom verschafft uns Kostenvorteile, einen Imagegewinn bei unseren Kunden und passt auch in das Gesamtkonzept unserer Unternehmensphilosophie“, unterstrich Schüren. „Unsere Kunden finden es gut. Nachhaltigkeit lohnt sich.“
Im Mittelpunkt stand die politische Keynote, in der Oliver Wittke, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, über die elektromobile Zukunft aus Sicht der Bundesregierung referierte. Wittke lobte die Region für ihre Strategie bei der Elektromobilität: „Südwestfalen ist ein wichtiger Standort für die Automobilindustrie. Daher kommt es nicht von ungefähr, dass der Impuls für Elektromobilität aus Südwestfalen kommt. Die Strategie der Region kann sich sehen lassen“. In seiner Rede machte der Staatssekretär deutlich, dass es beispielsweise auch Carl Benz zunächst schwer hatte, seinen ersten entwickelten Motorwagen zu etablieren. Ängsten, dass die Elektromobilität Arbeitsplätze kosten könnte, begegnete Wittke mit den Worten: „Durch Elektromobilität können Arbeitsplätze verloren gehen. Aber nur dann, wenn man zu zaghaft ist. Wenn man den Prozess mitgestaltet, entwickeln sich neue Perspektiven und es entstehen Wertschöpfungsprozesse.“ Das Ziel der Bundesregierung sei es, die Chancen der Elektromobilität zu nutzen. Dafür sollen, so Wittke, entsprechende Anreize wie zum Beispiel Kaufprämien, zehn Jahre Steuerbefreiung für Elektroautos oder auch Sonderabschreibungen für E-Nutzfahrzeuge, geschaffen werden. Darüber hinaus soll der heimische Bedarf an Batteriezellen bis 2030 bedient werden. „Mit der Elektromobilität steht uns die technologische Zeitenwende bevor, die wichtige Investitionen auslösen wird und entscheidend ist für den Auto-Standort Deutschland. Ich bin mir sicher, dass viele von Ihnen hier im Saal Ihren Beitrag dazu leisten werden“, sagte Staatssekretär Wittke abschließend.
„Reichweite, Ladeinfrastruktur und Preis sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren für die Elektromobilität“, erklärte Auto-Experte Prof. Dr. Stefan Bratzel. Der Leiter des Center of Automotive Management an der FHdW Bergisch Gladbach stellte die Erkenntnisse seines jüngsten Elektromobilitäts-Reports vor. „Kunden erwarten eine reale Reichweite oder auch eine Dichte von Normal- sowie Schnelllade-Stationen. Zwischen diesen Bereichen gibt es systematische Zusammenhänge. Die Batteriekapazität und die Reichweite beeinflussen natürlich den Preis der Batterie und damit des Fahrzeuges, an dem der Akku einen Wertanteil von rund 30 % hat“, erklärte Bratzel. Es sei daher notwendig, eine Balance aus Preis und Reichweite zu finden. „Die heute schon erzielbaren Reichweiten von ca. 400 km sind für die meisten Mobilitätsbedürfnisse völlig ausreichend.“
Der Autoexperte erwartet, dass der Anteil der Neuzulassungen von batterie-elektrischen Fahrzeugen in Deutschland im Jahr 2025 auf 30 Prozent und im Jahr 2030 auf 60 Prozent steigen werden. Das habe natürlich auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gerade in Südwestfalen, wenn viele Teile für Verbrennungsmotor und Antriebsstrang nicht mehr benötigt würden. „Es werden etwa 15 bis 20 Prozent der industriellen Arbeitsplätze in der Branche wegfallen. Zwar entstehen auf der anderen Seite neue Jobchancen, jedoch nicht im gleichen Umfang und eher im Dienstleistungssektor“, so Bratzel.
Dr. Bingchang Ni von der EnergieAgentur.NRW gab einen Überblick über die gerade für den gewerblichen Bereich bestehenden Fördermöglichkeiten für Kauf oder Leasing von Elektromobilitätsfahrzeugen sowie den Ausbau öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur.  Frank Hockelmann, Klimaschutzmanager des Kreises Soest, erläuterte die Ergebnisse eines Ladeinfrastrukturkonzeptes vor, das in den kommenden Jahren durch öffentliche und private Investitionen umgesetzt werden soll. Damit gab er eine Steilvorlage für Dr. Heiko Rüppel vom Windkraftanlagen-Hersteller Enercon. Rüppel stellte den E-Charger vor, der netzverträglich und kosteneffizient E-Fahrzeuge mit regenerativ erzeugtem, Strom lädt: „Unser Ziel ist es, 100 Prozent regenerative Energie anzubieten. Denn das ist die Tankstelle der Zukunft“.  
In einer kurzen Abschluss-Diskussion mit Jan Dobbertin, Geschäftsführer des Landesverbandes Erneuerbare Energien, stand die Verfügbarkeit regenerativer Energie-Erzeugungskapazitäten im Mittelpunkt.  Dobbertin forderte die Politik zu Planungserleichterungen für neue Windkraft-Standorte auf, sonst könne der notwendige Energiebedarf kaum ansatzweise gedeckt werden. Dobbertin: „Einige jüngere Entscheidungen wie überzogene Abstandsregelungen in NRW gehen genau in die falsche Richtung“. Große Hoffnungen setzt die Branche hingegen auf die Photovoltaik: „In diesem Bereich kann noch einiges passieren, denn Photovoltaik ist ein großer Potenzialträger und bietet Riesenchancen, wenn alle verfügbaren Erzeugungskapazitäten konsequent genutzt werden“, erinnerte Dobbertin auch mit Blick auf die großen Dachflächen von Industrie- und Gewerbehallen.


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